Haben die Angehörigen der Wirtschaftselite ihre einflussreiche Stellung auf legitimem Wege erreicht? Von den entsprechenden Einschätzungen sind Anerkennung oder Ablehnung seitens Bevölkerung wesentlich abhängig. Die Umfrageteilnehmer konnten sich im Hinblick darauf zum sozialen Hintergrund der Wirtschaftelite im heutigen Russland und zu persönlichen Eigenschaften ihrer Angehörigen äußern, aber auch zu Umständen, die den Aufstieg der Wirtschaftsführer begünstigt haben könnten.
Die Mehrheit der Russländer glaubt, dass die heutigen Inhaber der Spitzenpositionen in der Wirtschaft ihren Aufstieg eben solchen günstigen Umständen verdanken:
Tabelle 6
Woher kommt die Macht der heutigen Wirtschaftsführer (Angaben in Prozent)?
| Günstige Umstände | 18,9 |
| Eigentums zu Schleuderpreisen, Zugang zu Rohstoffen (Öl, Gasusw.) | 70,2 |
| Unternehmergeist, eigene Fähigkeiten und Anstrengungen | 4,0 |
| Schwer zu sagen | 6,9 |
Dabei sehen Personen mit hohem Einkommen, Unternehmer, Personen, die im heutigen Russland durchaus Möglichkeiten für integere unternehmerische Tätigkeit sehen, und Arbeiter in privatisierten Betrieben diese günstigen Bedingungen wertfrei. Ältere Menschen, gering Verdienende, ungelernte Arbeiter und Personen, die das Wirtschaftsleben in Russland für durchgängig korrumpiert halten, sehen im Aufstieg der heutigen Wirtschaftsführer hingegen das Ergebnis persönlicher Bereicherung: Nach ihrer Meinung haben die jetzigen Angehörigen der Wirtschaftselite vom Ausverkauf staatlichen Eigentums profitiert und sich im günstigen Moment Zugang zu Rohstoffen verschafft.
Zu den Umständen, die den Aufstieg in die Wirtschaftelite begünstigen, kann auch die Herkunft einer Person gerechnet werden: die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe im soziopolitischen System der späten Sowjetzeit oder der Reformära. Hier setzten die Befragten folgende Schwerpunkte:
Tabelle 7
Aus welchen Gruppen rekrutiert sich die heutige Wirtschaftselite?*
| Aus der alten Parteinomenklatur | 47,4 |
| Aus früheren Aktivisten des Komsomol | 25,1 |
| Aus früher schon im Handel Tätigen | 5,7 |
| Aus den ehemaligen Leitern von Staatsbetrieben und staatlichen Einrichtungen | 30,5 |
| Aus kriminellen Organisationen | 34,6 |
| Aus Personen, die ihr Startkapital auf unredliche Weise erworben haben | 47,9 |
| Aus Innenministerium, Sicherheitsdiensten, Armee | 14,4 |
| Aus den Staatsbeamten unter Jelzin | 30,1 |
| Aus den neuen Unternehmern | 20,0 |
| Aus Kultur und Wissenschaft | 1,2 |
| Schwer zu sagen | 4,8 |
*Zwei Antworten möglich
Personen mit mittlerem Einkommen, Gebildete, aber auch die Einwohner der Metropolen - vor allem die Petersburger - glauben, die heutige Wirtschaftselite entstamme der alten Parteinomenklatur. Das Profil derjenigen, die in den Wirtschaftsführern vorwiegend ehemalige aktive Komsomolzen sehen, ist ähnlich; jedoch schließen sich dieser Auffassung auch viele Unternehmer an, und das durchschnittliche Einkommen in dieser Gruppe ist etwas höher. Junge Leute bis 26 und Arbeitslose sind viel pessimistischer: Sie meinen, die heutigen Wirtschaftsführer stammten am ehesten aus kriminellen Vereinigungen. Dies glauben übrigens auch überdurchschnittlich viele Menschen im Nordkaukasus.
Hat in den Jahren der Reformen im Vergleich zur Endphase der Sowjetunion ein vollständiger Elitenwechsel stattgefunden? Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung glaubt nicht daran.
Tabelle 8
Wie setzt sich die heutige Wirtschaftelite zusammen (Angaben in Prozent)?
| Aus denjenigen, die ihr auch schon vor den Reformen angehörten | 19,9 |
| Zum Teil aus denjenigen, die ihr schon vor den Reformen angehörten, zum Teil aus Neulingen | 58,0 |
| Hauptsächlich aus Neulingen | 13,2 |
| Sonstiges | 0,4 |
| Schwer zu sagen | 8,5 |
Einen kompletten Austausch der Wirtschaftselite sehen lediglich die auf dem Land lebenden Menschen. Die größte Zustimmung findet die Vorstellung von einer teilweisen personellen Kontinuität in den führenden Wirtschaftskreisen, die jedoch den Aufstieg neuer Köpfe nicht ausgeschlossen hat.
Eine gute Ausgangsposition im Partei- oder Staatsapparat und günstige Umstände haben also in den Augen vieler Russländer zumindest einem beträchtlichen Teil der heutigen Wirtschaftselite den Weg nach oben geebnet. Darüber hinaus wurde noch nach weiteren Faktoren gefragt, die für die Rekrutierung der Wirtschaftselite in Russland typisch sein könnten.
Die Voraussetzungen dafür, großen Einfluss in der Wirtschaft zu gewinnen, beurteilten die Befragten dabei wieder je nach ihrem eigenen sozioökonomischen Status verschieden. Zudem unterschieden die Umfrageteilnehmer in einigen Punkten deutlich zwischen den Mächtigen in den Regionen und denjenigen, die in der Lage sind, Einfluss auf das Wirtschaftsleben im gesamten Land zu nehmen:
Tabelle 9
Was braucht man, um Einfluss auf das Wirtschaftsleben
im ganzen
Land beziehungsweise in der eigenen Region zu nehmen (Angaben in Prozent)?*
| Für landesweiten Einfluss | Für Einfluss in der Region | |
| Geld | 75,6 | 80,4 |
| Verbindungen zur Macht | 61,6 | 63,2 |
| Gute Kontakte in Unternehmerkreisen | 30,5 | 37,0 |
| Unterstützung durch einflussreiche Gruppen im Westen | 19,7 | 5,1 |
| Medienpräsenz | 15,1 | 15,0 |
| Unterstützung politischer Parteien und Vereinigungen | 22,0 | 16,7 |
| Unterstützung durch Innenministerium, Sicherheitsdienste, Armee | 27,0 | 22,8 |
| Unterstützung durch kriminelle Strukturen | 13,2 | 22,1 |
| Schwer zu sagen | 3,8 | 3,6 |
*Mehrere Antworten möglich
Geld bedeutet also in den Augen der Bevölkerung Macht. Allerdings betonten die Befragten aus weniger privilegierten Gruppen diesen Faktor stärker als die Gutverdienenden, die Unternehmer und ganz allgemein diejenigen, die selbst über Einfluss verfügen. Letztere heben eher die Bedeutung des sozialen Kapitals hervor.
Ein auffälliger Unterschied zwischen den regionalen Wirtschaftsführern und denjenigen, die landesweit die Fäden in der Hand haben, liegt aus der Sicht der Bevölkerung in der Unterstützung, die diese Gruppen von verschiedenen Seiten erhalten. Zwar müssen sowohl die Wirtschaftsführer in den Regionen als auch die russlandweit Agierenden über gute Verbindungen zum Staatsapparat verfügen. Die Angehörigen der regionalen Wirtschaftselite, meint ein beträchtlicher Teil der Befragten, seien aber zudem von der Unterstützung durch die organisierte Kriminalität abhängig ein Faktor, der bei den landesweit einflussreichen Wirtschaftsführern weniger ins Gewicht fällt. Diese benötigen nach Meinung der Bevölkerung eher die Unterstützung der Trias Innenministerium, Armee und Sicherheitsdienste, der politischen Parteien sowie einflussreicher Kreise im Westen.
Wer sich in der Wirtschaftselite etablieren will, muss aber darüber hinaus auch über bestimmte persönliche Eigenschaften verfügen:
Tabelle 10
Welche persönlichen Charakteristika begünstigen den Aufstieg in die Wirtschaftselite (Angaben in Prozent)?
| Sehr wichtig | Ziemlich wichtig | Nicht sehr wichtig | Gar nicht wichtig | Schwer zu sagen | |
| Herkunft aus einer reichen Familie | 31,8 | 32,5 | 21,1 | 10,2 | 4,4 |
| Gebildete Eltern | 16,7 | 30,6 | 32,5 | 16,8 | 3,4 |
| Eigenes hohes Bildungsniveau | 49,1 | 31,3 | 13,3 | 4,5 | 1,8 |
| Ehrgeiz | 42,0 | 30,6 | 13,5 | 7,5 | 6,4 |
| Fähigkeiten | 52,2 | 32,1 | 8,8 | 4,4 | 2,5 |
| Harte Arbeit | 44,4 | 29,0 | 15,5 | 8,6 | 2,5 |
| Verbindungen | 65,2 | 28,8 | 3,3 | 1,0 | 1,7 |
| Politische Verbindungen | 48,2 | 33,1 | 11,4 | 3,3 | 4,0 |
| Nationalität | 7,9 | 15,4 | 36,7 | 34,2 | 5,8 |
| Herkunft aus einem bestimmten Ort | 6,5 | 15,7 | 32,6 | 40,1 | 5,1 |
| Politische Überzeugungen | 7,1 | 21,1 | 34,1 | 28,7 | 9,0 |
| Geschlecht | 11,1 | 25,8 | 29,4 | 28,5 | 5,2 |
| Dreistigkeit und Skrupellosigkeit | 26,8 | 31,9 | 12,5 | 10,7 | 18,1 |
Wieder sind es die materiell schlecht Gestellten und die Rentner, aber auch die Landbevölkerung und die Facharbeiter, die den Faktor Geld in diesem Fall die Herkunft aus einer reichen Familie besonders hervorheben. Personen mit mittlerem Einkommen, sehr junge Menschen und Ältere glauben, dass das Bildungsniveau der Eltern für den Aufstieg in die Wirtschaftselite erhebliche Bedeutung habe. Junge Leute zwischen 22 und 26 sowie Personen mit grundsätzlich positiver Einstellung zum Unternehmertum, aber ohne eigene erfolgreiche Tätigkeit in diesem Bereich betonen hingegen, dass potenzielle Angehörige der Wirtschaftselite selbst gebildet sein müssten. Alles in allem verwiesen auf Herkunft und Bildung als aufstiegsfördernde Faktoren vor allem diejenigen, die aufgrund ihrer sozialen Stellung und ihrer materiellen Lage relativ weit von der Elite entfernt sind. Die Bedeutung von persönlichem Ehrgeiz, Begabung und Fleiß hoben hingegen eher diejenigen hervor, die sich unter marktwirtschaftlichen Bedingungen gut behaupten konnten und zum Teil auch selbst unternehmerisch tätig sind. Umgekehrt schätzen diese Erfolgreichen den Faktor Beziehungen für den Aufstieg in die Wirtschaftselite relativ gering ein ebenso wie die politischen Überzeugungen des potenziellen Wirtschaftsführers.
Skrupellosigkeit als Voraussetzung für die große Karriere in der Wirtschaft nannten nicht weiter verwunderlich Menschen, die sich als Verlierer der Reformära fühlen, Rentner und Personen, die die Chancen ehrlicher unternehmerischer Tätigkeit in Russland generell pessimistisch einschätzen. Wenig Beachtung fand bei den Befragten trotz der offenkundigen Dominanz der Männer unter den Wirtschaftsführern der Faktor Geschlecht. [3]
Eine brisante Frage ist die nach der Bedeutung der Nationalität für den Aufstieg in Spitzenpositionen der Wirtschaft. Die Tendenz, soziale Gegensätze mit der vermeintlich unterschiedlichen nationalen Zugehörigkeit verschiedener gesellschaftlicher Gruppen zu erklären, ist im Russland von heute nicht zu übersehen. In diesen Zusammenhang gehört die Behauptung, die Angehörigen der Wirtschaftselite seien keine Russen.
Im Allgemeinen sind Personen mit hohem Einkommen, Inhaber von Führungspositionen und Einwohner der beiden Metropolen vor allem Moskaus besonders geneigt, die nationale Zugehörigkeit im Hinblick auf die Chancen für den Aufstieg in die Elite zu einem wichtigen Faktor zu erklären. Diese relativ wertneutrale Aussage steht jedoch nicht allein. Als die Teilnehmer der Umfrage ihre Meinung zur nationalen Zusammensetzung der Wirtschaftselite äußern sollten, bekundeten zwar viele Gleichgültigkeit. Der Anteil derer, die sich anders äußerten, war jedoch ebenfalls beträchtlich:
Tabelle 11
Meinungen über die nationale Zusammensetzung der Wirtschaftselite
| Ist mir gleichgültig. | 37,6 |
| Wenn nationale Minderheiten in der Wirtschaftselite stärker vertreten sind, zeugt dies von Bestrebungen, die Russen vom Zugang zu den Reichtümern des Landes zu verdrängen. | 27,0 |
| Wenn nationale Minderheiten in der Wirtschaftelite stärker vertreten sind, zeugt dies von ihren größeren Fähigkeiten im Geschäftsleben. | 14,1 |
| Sonstiges | 0,9 |
| Schwer zu sagen | 20,4 |
Der Anteil derjenigen, die an eine vermeintliche Verdrängung der Russen vom Zugang zu den wirtschaftlichen Ressourcen glauben, ist also fast doppelt so hoch wie der Anteil derer, die eine mögliche Überrepräsentation nationaler Minderheiten in der Wirtschaftselite auf die besondere Tüchtigkeit dieser Gruppen im Geschäftsleben zurückführen. Von einer Verdrängung der Russen aus den Schlüsselpositionen der Wirtschaft sprechen vor allem Personen, die sich für Verlierer der Reformen halten, sowie Wähler der Kommunistischen Partei und des Blocks Rodina (Heimat), aber auch Einwohner der Nordkaukasusregion, des Zentralen Schwarzerdegebietes, Moskaus und St. Petersburgs.
Die Auffassung, andere Nationalitäten enthielten den Russen die Verfügung über die Reichtümer des Landes vor, orreliert mit der grundsätzlichen Ablehnung der sozioökonomischen Stratifikation. Umgekehrt glauben unter denjenigen, die die Differenzierung der Gesellschaft nach Einkommen akzeptieren, prozentual weniger Menschen an eine Diskriminierung der Russen im Wirtschaftsleben:
Diagramm 1
Meinungen über die nationale Zusammensetzung der Wirtschaftselite
in Abhängigkeit
von der Haltung der Befragten zur sozialen Stratifikation (Angaben in Prozent)
3. Was angesichts der Ignorierung der Gender-Problematik in Russland überall außerhalb der Kreise damit befasster Wissenschaftlerinnen schon wieder weniger verwundert.
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