Die „Oligarchen“ sind unbeliebt. Auf der Sympathieskala von zwanzig im heutigen politisch-sozialen Sprachgebrauch gängigen Begriffen (s.o., Tabelle) rangieren sie ganz unten; noch negativere Gefühle ruft nur der Begriff „Bankrott“ hervor. Bezeichnenderweise war die Abneigung gegen die „Oligarchen“ unter denjenigen Befragten, die positive Assoziationen mit den Begriffen „Sponsor“ und „Mäzen“ verbanden, ganz besonders verbreitet. Offensichtlich sehen Personen mit paternalistischen Vorstellungen vom Unternehmertum die „Oligarchen“ in einem besonders schlechten Licht, weil diese in ihren Augen gerade das Gegenteil eines paternalistischen Modells der sozialen Beziehungen verkörpern.
Die Definitionen des „Oligarchen“, denen sich die Mehrheit der Russländer anschließen würde, beziehen sich auf den unredlichen Erwerb riesiger Vermögen oder auf eine nicht legitimierte Machtstellung. Nur knapp dreißig Prozent der Befragten wählten wertfreie Definitionen. Der Anteil derjenigen, die meinen, die „Oligarchen“ hätten ihren Reichtum ihrem eigenen Talent zu verdanken und somit gewissermaßen verdient, ist sehr gering:
Tabelle 21
Wer sind die „Oligarchen“ (Angaben in Prozent)?
| Personen, die auf unredliche Weise große Vermögen erworben haben | 40,3 |
| Personen, die niemand gewählt oder ernannt hat, die aber dennoch über große Macht im Land verfügen | 19,6 |
| Hauptsächlich Leiter und Besitzer sehr großer Unternehmen | 15,2 |
| Einfach sehr reiche, überreiche Leute | 14,4 |
| Personen, die es durch Verstand und Talent geschafft haben, in die nationale Führungsschicht aufzusteigen | 5,1 |
| Schwer zu sagen | 5,4 |
Die „Oligarchen“ im Allgemeinen stoßen also bei der Mehrheit der Russländer auf heftige Ablehnung. Wenn es allerdings um einzelne Personen geht, die als „Oligarchen“ gelten, so werden durchaus Nuancen deutlich. So sind selbst unter denjenigen, die keinen Interessensgegensatz zwischen Wirtschaftselite und Bevölkerung sehen, nur knapp sechzehn Prozent gegenüber Boris Beresowski positiv eingestellt. Anders verhält es sich mit Michail Chodorkowski: Ihn beurteilen immerhin mehr als vierzig Prozent derjenigen, nach deren Meinung die Interessen der Wirtschaftselite mit denen der Bevölkerung identisch sind, positiv. Überhaupt beurteilte diese Gruppe der Umfrageteilnehmer die neuen Köpfe in der Wirtschaftselite am positivsten, also diejenigen, die in den letzten Jahren aufgestiegen sind und sich an internationalen Businessnormen orientieren. Offenbar sieht der Teil der Bevölkerung, der die Interessen von Elite und „Nichtelite“ als deckungsgleich betrachtet, im westlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell Russlands Zukunft und in einigen Angehörigen der heutigen Wirtschaftselite Repräsentanten eben dieses Modells. Nicht von ungefähr sind diejenigen, die Chodorkowski und Roman Abramowitsch gegenüber positiv eingestellt sind, auch der Meinung, Russland profitiere von den Aktivitäten großer ausländischer Unternehmen auf seinem Territorium. Sie bilden allerdings eindeutig eine Minderheit.
Die ebenfalls nicht sehr große Gruppe derer, die eine grundsätzliche, wenn auch keine aktuelle Identität der Interessen von Elite und Bevölkerungsmehrheit sehen, favorisieren eher die Top-Manager großer Staatsbetriebe wie A. Miller oder die dem Staat gegenüber loyalen Führer privater Unternehmen, die aus Staatsbetrieben entstanden sind, zum Beispiel W. Alekperow. Ihr Ideal für die Zukunft des Landes scheint eine Art Staatskapitalismus zu sein.
Bei denjenigen schließlich, die an einen prinzipiellen Gegensatz der Interessen von Elite und Bevölkerung glauben, sind Chodorkowski und Abramowitsch gemeinsam mit Wladimir Gusinski die unpopulärsten Großunternehmer – übertroffen nur noch von Beresowski.
Was die Russländer den „Oligarchen“ am meisten übel nehmen, hängt in erster Linie vom Alter ab; der Faktor Einkommen spielt hierbei eine geringere Rolle.
Tabelle 22
Zustimmung zu Aussagen über die „Oligarchen“ nach Alter und Einkommen (Angaben in Prozent)
| Insgesamt | Unter vierzig | Über vierzig | Einkommen unter 2500 Rubeln | Einkommen über 2500 Rubeln | |
| Personen, die niemand gewählt oder ernannt hat, die aber dennoch über große Macht im Land verfügen | 19,6 | 23,0 | 17,2 | 19,1 | 20,6 |
| Personen, die auf unredliche Weise große Vermögen erworben haben | 40,3 | 26,9 | 49,7 | 44,2 | 31,0 |
Personen mit geringerem Einkommen, vor allem aber Ältere betonen insbesondere, dass die „Oligarchen“ auf unredliche Weise große Reichtümer erworben hätten. Die besser Verdienenden und besonders die Jüngeren setzen einen anderen Akzent: Für ihr negatives Oligarchenbild ist weniger das Vermögen der „Oligarchen“ maßgeblich als ihre politisch nicht legitimierte Macht.
Wie weit identifiziert sich die Bevölkerung mit der derzeitigen politischen Auseinandersetzung um die Rolle der „Oligarchen“? Diesbezüglich aufschlussreich sind zum einen die Meinungen darüber, von wem die Diskussion über den negativen Einfluss der Superreichen auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft im heutigen Russland ausgeht.Tabelle 23
Von wem geht die Diskussion über die negative Rolle der „Oligarchen“ im heutigen Russland aus (Angaben in Prozent)?*
| Von Journalisten beziehungsweise den Massenmedien | 34,9 |
| Von Vertretern der Geschäftswelt, die ihre Konkurrenten diskreditieren wollen | 28,4 |
| Von Innenministerium, Sicherheitsdiensten oder Militär, mit dem Ziel, die „Oligarchen“ in die Schranken zu weisen | 23,4 |
| Vom Präsidenten und seiner Administration | 20,8 |
| Von der politischen Linken und/oder den „Patrioten“ | 17,7 |
| Von den einfachen Leuten | 15,3 |
| Von Vertretern der Wirtschaftselite, diemehrGerechtigkeitinderWirtschaftwollen | 13,4 |
| Es gibt keine heftige Diskussion über dieses Thema. | 16,5 |
| Schwer zu sagen | 12,8 |
*Mehrere Antworten möglich.
Bemerkenswerterweise glaubt nur eine Minderheit, die „einfachen Leute“ hätten die Diskussion über die „Oligarchen“ begonnen. Eine relative Mehrheit meint hingegen, die Debatte sei von den Medien initiiert worden. Auffällig ist auch, dass Rivalitäten in der Geschäftwelt selbst von einem beträchtlichen Anteil der Befragten als Auslöser der Diskussion betrachtet werden. Aber auch politische und staatliche Institutionen wurden als Initiatoren genannt.
Zum anderen geben die Erwartungen, die bezüglich des „Oligarchenproblems“ an die Politik gerichtet werden, Aufschluss darüber, wie die Bevölkerung die derzeitige Auseinandersetzung wahrnimmt. Dabei wird deutlich, dass sich die Mehrheit der Bevölkerung von Präsident Putin Maßnahmen gegen alle „Oligarchen“ wünscht, Schauprozesse eingeschlossen.
Diagramm 5
Wie sollte Wladimir Putins Politik gegenüber den „Oligarchen“ aussehen (Angaben in Prozent)?
Eine Gegenprobe ergab ähnliche Ergebnisse. Diesmal stand ein Katalog auf die derzeitige Debatte bezogener Aussagen zur Auswahl, in dem jedoch das Reizwort „Oligarch“ weitgehend vermieden wurde. Was die Russländer zu recht drastischen Einschätzungen veranlasst, ist aber offensichtlich nicht das Wort, sondern der dahinter stehende Inhalt:
Diagramm 6
Zustimmung zu gängigen Aussagen im Konflikt um die „Oligarchen“
Obwohl die Diskussion über die „Oligarchen“ nach Meinung der Mehrheit nicht „von unten“ ausgegangen ist, befürwortet also ein sehr großer Teil der Russländer die in diesem Zusammenhang laut gewordenen Forderungen nach einer Neuverteilung des Gewinns aus den Rohstoffen des Landes, nach einer Überprüfung und Revision der Eigentumsverhältnisse und nach Steuerdisziplin. Allerdings verlangt ein ebenso großer Teil der Bevölkerung, dass sich der Staat im Umgang mit den „Oligarchen“ strikt an die Gesetze halten solle.
Diese Studie untersucht nicht allein das Verhältnis der Russländer zu den „Oligarchen“, sondern die Beziehung zwischen Wirtschaftselite und Bevölkerung. Für diese Beziehung ist maßgeblich, welche Ausstrahlung das negative Bild der „Oligarchen“ hat: Wenn die Bevölkerung Wirtschaftselite und „Oligarchen“ gleichsetzt, dürfte das Image der Wirtschaftselite darunter erheblich leiden. Und tatsächlich war eine relative Mehrheit der Umfrageteilnehmer der Auffassung, dass zwischen den „Oligarchen“ und der Wirtschaftselite kein Unterschied bestehe:
Tabelle 24
Wirtschaftselite und Oligarchen
| Das ist ein und dasselbe. | 35,7 |
| Zum Oligarchen steigt man vor allem durch Beziehungen auf, in die Wirtschaftselite auch durch Talent und Verstand. | 26,9 |
| Oligarchen wollen den Staat beherrschen, die Wirtschaftselite will nur den Kurs der Wirtschaftspolitik bestimmen. | 22,6 |
| Sonstiges | 0,6 |
| Schwer zu sagen | 14,2 |
Für die führenden Kreise der Wirtschaft ist dies kein besonders gutes Ergebnis. Bedenklich ist auch die bei vielen Russländern zu beobachtende Verflechtung des negativen Oligarchenbildes mit den Vorstellungen von der Rolle ausländischer Großunternehmen in Russland. Sicher: Auch hier weicht die Meinung der Jüngeren und besser Verdienenden wieder von der pessimistischeren Einschätzung der Älteren und der Personen mit geringerem Einkommen ab:
Tabelle 25
Zustimmung zu der Aussage „Russland profitiert im Wesentlichen
von den Aktivitäten
ausländischer Unternehmen im Land“ nach Alter und Einkommen (Angaben in
Prozent)
| Insgesamt | Personen unter vierzig | Personen über vierzig | Einkommen unter 2500 Rubeln | Einkommen über 2500 Rubeln | |
| Ja | 22,1 | 25,9 | 19,3 | 19,0 | 25,5 |
| Nein | 41,0 | 37,5 | 43,6 | 43,5 | 38,3 |
| Schwer zu sagen | 36,9 | 36,6 | 37,1 | 37,5 | 36,2 |
Die verbreiteten Negativurteile über die „Oligarchen“ tragen jedoch offensichtlich zur Verschlechterung des Images ausländischer Investoren bei: Wer die „Oligarchen“ ablehnt, leugnet häufig auch den Nutzen internationaler Investitionen für Russland. Umgekehrt hält die relativ kleine Gruppe derjenigen, die den „Oligarchen“ gegenüber eher positiv eingestellt ist, das Engagement ausländischer Unternehmer in Russland für nützlich.
Tabelle 26
Zustimmung zu der Aussage „Russland profitiert im Wesentlichen
von den Aktivitäten
ausländischer Unternehmer im Land“ nach Einstellung zu den „Oligarchen“
(Angaben in Prozent)
| Einstellung zu den „Oligarchen“ | Insgesamt | ||
| Eher positiv | Eher negativ | ||
| Ja | 39,4 | 18,6 | 22,1 |
| Nein | 33,3 | 45,2 | 41,0 |
| Schwer zu sagen | 27,3 | 36,2 | 36,9 |
Diese Verknüpfung der Einstellungen zu den „Oligarchen“ und zu ausländischen Unternehmern ist von einiger Brisanz: Offensichtlich kann eine Zuspitzung des „Oligarchenkonflikts“ für die Haltung der Russländer zu Investitionen aus dem Ausland negative Folgen haben.
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