Die Urteile der Russländer über ihre Wirtschaftselite fallen alles in allem nicht eben schmeichelhaft aus. Was die Rolle der Elite für die Gesamtentwicklung des Landes betrifft, so ist die Mehrheit der Bevölkerung nicht der Auffassung, dass politischer Pluralismus – Redefreiheit, unabhängige Medien und Parteienvielfalt – von der Existenz eines starken Unternehmertums abhängig sei: Fast 34 Prozent verneinen dies, nur gut achtzehn Prozent würden einer solchen Aussage zustimmen, und eine sehr große Gruppe ist diesbezüglich unentschieden. Über Dreiviertel der Russländer sind sogar der Auffassung, die demokratischen Verfahren seien angesichts des enormen Einflusses der Reichen und Mächtigen nicht mehr als Formalitäten:

Diagramm 7

Zustimmung zu der Aussage „Die demokratischen Verfahren und Institutionen – Wahlen,
Parlament, freie Presse – existieren nur zum Schein. In Wirklichkeit regieren
uns einfach die Reichsten und Mächtigsten“ (Angaben in Prozent)*

 

* Kategorie „Unentschieden“ nicht berücksichtigt.

 

Die Wirtschaftselite ist also in den Augen der Bevölkerung keineswegs ein Garant demokratischer Verhältnisse. Genauso wenig gilt sie jedoch als Haupthemmnis für die Entwicklung Russlands: Diesen Part übernimmt nach Meinung einer Mehrheit der Russländer die Bürokratie. Von entsprechenden Einschätzungen bezüglich der regionalen Regierungs- und Verwaltungsebene war bereits die Rede. Das Urteil der Bevölkerung über die Verhältnisse im Land insgesamt fällt ähnlich aus: So glauben knapp 35 Prozent, der Bewältigung der Krise in Russland stünden die „Oligarchen“ entgegen, während fast 62 Prozent die Beamten in dieser Rolle sehen:

Tabelle 27

Wer blockiert die Bewältigung der Krise in Russland?*

Die Beamten und Bürokraten 61,5
Die inkompetente Leitung der gesamtstaatlichen Organe 41,3
Die Oligarchen 34,6
Die inkompetenten lokalen Staatsorgane 23,4
Der Charakter und die Mentalität der Russländer 15,5
Die Ausländer, der Westen 15,2
Ex-Präsident Jelzins Clan (die “Familie”) 13,5
Die alten sowjetischen Traditionen 11,5
Der Teil der Bevölkerung, der nicht in der Lage ist, Geld zu verdienen 10,1
Die gesamte Wirtschaftselite 7,9
Die Reformer 7,4
Die Juden 6,0
Die Kommunisten 5,1
Präsident Putin und sein Team 3,6
Schwer zu sagen 4,4

* Mehrere Antworten möglich

Zudem ist die absolute Mehrheit der Russländer bei aller Abneigung gegen die „Oligarchen“ im Prinzip der Meinung, dass das Land mehr Großunternehmer brauche [4]:

Diagramm 8

Braucht Russland mehr Großunternehmer?

Von einer grundsätzlichen feindseligen Haltung der Russländer gegenüber jeglicher Wirtschaftselite kann demnach wohl nicht die Rede sein. Dies bestätigen auch andere Beobachtungen. So halten sich negative und positive Urteile über die Wirtschaftselite häufig mehr oder weniger die Waage – jedenfalls solange es um die führenden Wirtschaftskreise im Allgemeinen geht und nicht um sehr unpopuläre Einzelne. Erwähnt seien zudem die häufigen Divergenzen je nach Alter und Einkommen der Teilnehmer dieser Umfrage. Die Aktiven und Erfolgreichen urteilen oft nach den Maßstäben der bürgerlichen Gesellschaft, die Glücklosen der Marktwirtschaft hingegen richten sich eher nach Kriterien, die in Russland mehr Tradition haben.


Angesichts dessen ist zu fragen, wie denn eine Wirtschaftselite nach dem Geschmack der Bevölkerung aussehen würde. Dabei erweist sich, dass Michail Chodorkowski in seinem viel beachteten Artikel über die „Krise des Liberalismus“ einen wunden Punkt im Verhältnis zwischen Elite und „Nichtelite“ getroffen hat: Die Russländer erwarten von der Wirtschaftselite ein soziales Engagement, das diese in den Augen der Mehrheit zurzeit nicht erbringt. Den Typ des ausschließlich auf wirtschaftliche Belange konzentrierten Unternehmers, der sich um soziale Anliegen nicht kümmert, ist die Bevölkerung nicht bereit zu akzeptieren.


Zwar sind die Bewohner der Metropolen und die jungen Leute deutlich weniger als andere geneigt, an Unternehmer soziale Ansprüche zu stellen. Aber insgesamt ist nur eine Minderheit von gut vierzehn Prozent der Russländer der Meinung, Unternehmer hätten allein die Aufgabe, ihre Firmen erfolgreich zu führen und korrekt ihre Steuern zu zahlen. Bei dieser Minderheit handelt es sich bezeichnenderweise um selbst unternehmerisch Tätige und Personen mit hohem Einkommen.


Gleichzeitig denken Dreiviertel der Bevölkerung über die derzeitige Wirtschaftelite in Russland, sie betreibe ohne jede Rücksicht auf die Arbeiter in ihren eigenen Betrieben die Vermehrung ihres Reichtums. Nur knapp 41 Prozent sind hingegen der Meinung, die Wirtschaftsführer hätten neben ihrem eigenen Wohlstand auch die Situation der gesamten Bevölkerung im Blick.


Über das tatsächliche soziale Engagement der führenden Wirtschaftskreise – das, anders als zum Beispiel die Wohlfahrtsaktivitäten von Unternehmern in den USA, den betreffenden Unternehmern keine Steuervorteile bringt - sind die Russländer allerdings schlecht informiert:

Diagramm 9

Was wissen die Russländer über das soziale Engagement der Wirtschaftselite (Angaben in Prozent)?

So wissen zum Beispiel nur wenige, dass die von Privatunternehmen gewährleistete soziale Grundversorgung mit medizinischen Leistungen, Altersvorsorge, Kindergärten, Krippen, Erholungsheimen usw. gar keine absolute Seltenheit mehr ist.


Kann die Diskrepanz zwischen den Ansprüchen der Bevölkerung und den Interessen der Großunternehmer überwunden werden? Dies hängt möglicherweise auch davon ab, welche konkreten Formen sozialen Engagements die Russländer von ihrer Wirtschaftselite erwarten. Diesbezüglich sind, wie schon häufig in dieser Untersuchung, je nach Alter und Einkommen variierende Haltungen zu beobachten:

Tabelle 29

In welchen sozialen Bereichen sollte sich die Wirtschaftselite vorwiegend engagieren (Angaben in Prozent)?

  Altersgruppen Monatseinkommen
18–26 27–40 41–60 über sechzig Unter 1500 Rubeln 1501–2500 Rubel 2501–5000 Rubel Über 5000 Rubeln

Hilfe für die materiell schlecht Gestellten 24,9 37,3 41,9 53,8 48,4 45,3 35,6 30,5
Hilfe für Flüchtlinge und Übersiedler 12,2 16,7 17,9 20,5 15,3 20,6 15,9 16,0
Schaffung von Qualifizierungs- und Umschulungseinrichtungen 26,6 29,3 33,6 31,5 29,5 32,3 31,7 27,8
Restaurierung von religiösen und Kulturdenkmälern 16,7 22,2 22,3 22,6 19,3 23,4 20,9 22,8
Prämien und StipendienfürbegabteStudenten, Gelehrte, Künstler, Sportler 34,5 37,6 37,9 37,0 31,3 38,7 39,1 37,1
Schaffung der materiellenBasisfürGesundheitsversorgung, Bildung, WissenschaftundKultur 58,8 67,3 69,3 67,4 64,1 72,1 66,4 58,3
Schaffung neuer Arbeitsplätze 59,5 65,5 70,2 69,5 68,4 70,0 65,5 63,1
Infrastrukturhilfe fürdieBevölkerung in den Regionen: Verkehr, Wasser- undEnergieversorgung 45,7 51,4 60,6 61,8 59,0 60,5 53,4 47,8
Kinderheime; Hilfe für Straßenkinder und Behinderte 45,5 57,2 54,3 59,3 56,8 59,9 51,9 47,3

 

Personen mit niedrigem Einkommen richten also eine besonders breite Palette von sozialen Forderungen an die Wirtschaft. Insgesamt gesehen setzen die Russländer jedoch deutliche Schwerpunkte. Von der Wirtschaftselite erwarten sie nicht in erster Linie „Wohltätigkeit“, sondern eine deren Rolle entsprechende Beteiligung an der Lösung sozialer Probleme. Priorität haben dabei eindeutig die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Entwicklung der materiellen Grundlage für Gesundheitsversorgung, Bildungswesen, Wissenschaft und Kultur. Die Armenfürsorge oder die Unterstützung von Flüchtlingen hingegen ist offensichtlich in den Augen eines erheblichen Teils der Bevölkerung Angelegenheit des Staates und nicht der Unternehmer.

Tabelle 30

Bedeutung verschiedener Formen (potenziellen) sozialen Engagements der Wirtschaftselite in den Augen der Bevölkerung*

  Einstufung

Mittel-wert

1 2 3 4 5
Hilfe für die materiell schlecht Gestellten 6,2 8,0 21,7 21,2 39,3 3,8
Hilfe für Flüchtlinge und Übersiedler 13,0 19,6 30,0 16,9 16,7 3,1
Schaffung von Qualifizierungs- und Umschulungseinrichtungen 5,7 9,8 23,7 26,8 29,6 3,7
Restaurierung von religiösen und Kulturdenkmälern 7,5 13,0 30,0 23,7 20,5 3,4
Prämien und StipendienfürbegabteStudenten, Gelehrte, Künstler, Sportler 3,2 7,2 22,5 27,2 35,5 3,9
Schaffung der materiellenBasisfürGesundheitsversorgung, Bildung, WissenschaftundKultur 3,0 2,0 8,1 18,9 64,5 4,5
Schaffung neuer Arbeitsplätze 3,3 2,6 6,7 18,8 64,5 4,5
Infrastrukturhilfe fürdieBevölkerung in den Regionen: Verkehr, Wasser- undEnergieversorgung 3,2 3,1 11,1 24,4 54,0 4,3
Kinderheime; Hilfe für Straßenkinder und Behinderte 3,3 3,5 13,7 22,9 53,0 4,2

* 1=minimal, 5=sehr wichtig

Eine in dieser Weise differenzierte Vorstellung von der Leistung, die die Wirtschaftselite für die Gesellschaft erbringen sollte, müsste mit dem Selbstverständnis der Wirtschaftsführer eigentlich durchaus vereinbar sein.


4. Eine entsprechende Aussage über die Beamten fände wohl weniger Zustimmung

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